Heideggers Wiederholungsverständnis ~ Mario Kopić

by Einar on February 23, 2013


In seinem frühen Meisterwerk ”Sein und Zeit” hat Martin Heidegger sein Programm bekanntlich eher nur entworfen als wirklich ausgeführt. Er ist von weither ausgegangen, aber auf halbem Wege stehengeblieben. Fest davon überzeugt, daß die Frage nach dem Sein heute vollkommen in den Hintergrund zurückgedrängt ist (er sagt, sie ”in Vergessenheit gekommen”), d.h., daß der Begriff des Seins so weit selbstverständlich geworden ist, daß niemand mehr durch ihn beunruhigt und gequält wird, geschweige denn, daß irgend jemand weiß, was darunter einst wirklich verstanden wurde, hat Heidegger es auf sich genommen, das Interesse für diese Grundfrage der Philosophie zu wecken.

Er schwärmte nicht davon, er könne sie auch beantworten, sondern begnügte sich damit, nur ihren Sinn zu klären. Richtiger: er wollte lediglich den Boden für eine solche künftige Klärung vorbereiten. In diesem Sinn behauptete er ausdrücklich, die Frage nach dem Sein sei die Fundamentalfrage der Philosophie überhaupt, ihr erstes und einziges Thema. Die Philosophie habe seit jeher danach gefragt, was Sein sei, worin sein Wesen bestehe, sodaß ihm lediglich zuteil wurde, diese Frage zu wiederholen oder erneut zu stellen, ja ein Verständnis für den Sinn dieser Frage wieder zu wecken. Insofern befürwortete er eine denkende Rückkehr zur philosophischen Tradition, im vollen Bewusstsein, dass allein eine kritische Überprüfung der überlieferten Grundbestimmungen des Seins den Weg zum wirklichen Verständnis des Sinnes jener Frage bahnen kann.

Diese Art des Nachdenkens über die Herkunft der ontologischen Grundbegriffe angesichts der der Möglichkeit, das Interesse für die Frage nach dem Sein zu wecken, bezeichnete der junge Heidegger mit dem provokativen Ausdruck ”Destruktion der ontologischen Überlieferung”. Er dachte die Seinsfrage gewinne erst aufgrund eines solchen Nachdenkens ”ihre wahrhafte Konkretion”, sie werde erst dadurch klarer und bestimmter. Den herben Beiklang dieses Ausdrucks milderte Heidegger sehr durch den ausdrücklichen Hinweis, der Sinn des erwähnten kritischen Überprüfens liege nicht darin, die Tradition zu entwerten, alle ontologischen Standpunkte zu relativieren, sondern nur darin, an das verborgene Wesen dieser Tradition zu erinnern, die Ohren für das zu öffnen, was in ihr eigentlich gedacht worden ist, und derart eine neue Interpretation des Seins im Hinblick auf Zeit vorzubereiten, ja die Einsicht in den wesentlich zeitlichen Charakter des Seins selbst zu ermöglichen.

Indirekt kann nur soviel gefolgert werden, daß seine Einstellung zur ontologischen Überlieferung eine gemäßigt kritische und nicht absolut negative war, daß er für eine positive Aneignung der Vergangenheit eintrat, jedoch keinswegs dachte, dass ein gewöhnlicher Rückgang zur Tradition möglich sei, geschweige denn, dass das einstige Seinsverständnis schlechthin wiederbelebt werden sollte.

Bei Heidegger ist die Rede von der Wiederholung in einen breiteren Rahmen der zeitlichen Interpretation der Grundstrukturen des daseinsmäßigen Seienden verstrickt. Sie bildet einen Teil der umfassenden existenzial-ontologischen Analysen der menschlichen Endlichkeit. Heideggers Ansicht nach ist die Wiederholung nur dank dem Umstand möglich, daß der Mensch nicht schlechtin ein innerweltliches Wesen ist, welches, wie alles andere Seiende, einem zerstückelten Teil der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft) angehört, er ist vielmehr vorzugsweise ein zeitliches Wesen, welches die Welt dadurch errichtet (oder den Zugang zur Welt eröffnet), dass er seine Zeitlichkeit die Einheit und Ganzheit des In-der-Welt-seins sichert (oder zumindest scheint dieser Übergang nicht hinreichend gerechtfertig).

In ”Sein und Zeit” vermißt man eine wirkliche Erhellung der Beziehung zwischen den existenzialen Strukturen und der Zeitigung der Zeitlichkeit, die zeitliche Interpretation der Existenziale leidet unter vielen Schwächen und stößt auf viele Schwierigkeiten. Aber darum ist die ekstatische Einheit der Zeitlichkeit des Menschenwesens eingesprägsam formuliert. Die Bestandteile der Zeitlichkeit sind die Zukunft, die Gewesenheit und die Gegenwart. Dies sind nicht drei Teile eines verdinglichten Seienden, sondern drei Dimensionen oder drei Ekstasen eines einheitlichen Prozesses, der im Ganzen und bis zu Ende in jeder von ihnen vertreten ist. Die Zukunft ist das primäre Phänomen der Zeitlichkeit. Aus ihr kommen alle Seinsmöglichkeiten, sie gibt den Grundantrieb zum Selbstverständnis. Das Kommen ist durch die Gewesenheit vermittelt d.h. durch das, was war und was noch immer ist. Die Gegenwart ist der Punkt, in dem Zukunft und Gewesenheit aneinanderstossen. Das Verhältnis zwischen Zukunft und Gewesenheit ist ein wechelseitiges. Das Dasein kommt zu sich selbst als jener, der schon war, bzw. der Mensch ist das, was er schon war, nur insofern die Zukunft immer von neuem kommt. Eigentlich zukünftig ist das Dasein eigentlich gewesen.

Heidegger zufolge wird die Zeitlichkeit auf einmal in drei Richtungen gezeitigt, die Zeitigung umfaßt alle drei Ekstasen. Keine von ihnen ist durch eine undurchdringliche Mauer von den beiden anderen getrennt, alle drei sind vielmehr irgendwie im Spiel. Dies ist dem üblichen und herkömmlichen Zeitverständnis ganz entgegengesetzt, das hier einen gradlinigen Zeitverständnis ganzentgegegensetzt, das hier einen gradlinigen Gang sieht, richtiger: nur das Jetzt zwischen dem Früher und dem Später. Es bestehen zwei Grundweisen der Zeitigung der Zeitlichkeit – die eigentliche und die uneigentliche. Daher ist jede Ekstase zweideutig. Allgemein genommen, bezeichnet die Eigentlichkeit die Seinsweise des Menschen, der sich zu seiner ontologischen Möglichkeit positiv verhält, der sich selbst übernimmt, der sein eigener ist, der sich selbst in seinem Wesen wählt. Und die Uneigentlichkeit sollte denjenigen Menschen charakterisieren, der seine ontologische Dimension vergißt, der sich selbst verliert oder verfehlt, der nur scheinbar seine Aufgabe übernimmt. Daraus würde sich ergeben, daß sich die eigentliche Zeitigung von der uneigentlichen darin unterscheidet, daß in jenem ersten Fall die Gewesenheit der Zukunft entspringt und die Zukunft die Gegenwart aus sich entläßt, währen in dem letzteren die Gewesenheit in die Vergangenheit niederstürzt und die Gegenwart alle Zukunft begräbt.

Die Wiederholung ist der eigentliche Modus der Zeitigung der Gewesenheit. Das ist die Zeitigung des Gewesenen aus der Zukunft, mit einem auf das Kommende gerichteten Blick. Der Wiederholung entgegen steht die Vergessenheit als uneigentlicher Modus der Zeitigung der Gewesenheit. Hier ist die Gewesenheit auf die Vergangenheit reduziert, das Band mit dem einstigen Leben ist zerrissen. Die Wiederholung gründet auf der Entschlossenheit des existential-ontologisch begriffenen Menschen, sie setz seine Bereitwilligkeit voraus, die eigene Geworfenheit in die Welt zu übernehmen, das eigene Leben gemäß irgendeiner seiner gewesenen Existenzmöglichkeiten frei zu entwerfen. Nur ein Mensch, der sich schon entschlossen hat, das zu sein, was er sein kann, der sich selbst als denjenigen will, der er schon von jeher war, nur ein solcher Mensch ist imstande, das neue Leben anzufangen. Dabei ist es belanglos, ob dieser Mensch die Herkunft der Existenzmöglichkeiten, mittels welcher er sich selbst in seinem Seinkönnen wählt, wirklich kennt.

Eigentlich befindet er sich immer schon in einer Situation, in der er eine Menge solcher Möglichkeiten vorfindet, die Möglichkeiten seiner Existenz ist immer schon irgendwie geschichtlich bedingt. Dadurch, daß er sich für eine von ihnen entscheiden kann, bestätigt der Mensch seine endliche Freiheit. Die existentiellen Möglichkeiten steigern und stärken die Kraft des Möglichen in der Gegenwart. Durch sie verklärt der Mensch die eigene Existenz, er bezieht sich auf sie, um zu sich selbst zurückzukommen. Aus der schicksalhaften Gebundenheit des Menschen an das schon einmal Gewesene und nicht Vergangene, an das noch Lebendige, noch immer Dauernde, weil künftig Mögliche, entspringt der schöpferische Charakter der Wiederholung selbst.

In diesem Sinn behauptet Heidegger, die Wiederholung sei weder Nachahmung der Vergangenen (im Sinne einer blinden Hinwendung zum einstigen Zustand) noch eine Rückkehr zur Tradition (im Sinne einer bloßen Identifizierung mit dem einst Gewesenen). Jenes erstere ist sie nicht, insofern die Zukunft irgendwie immer schon der Gewesenheit vorangeht und nicht erst nur eine Folge davon ist, und das letztere ist sie nicht, weil die existentiellen Möglichkeiten nicht etwas Fertiges und Abgeschlossenes sind, so dass sie in keiner Hinsicht als Zufluchtsort dienen könnten.

Die Wiederholung ist keine passive Wiederspiegelung, kein rein mehanischer Prozeß, nichts was der Mensch nur erleiden muß. Das Gewesene kann nicht schlechthin in der Gegenwart wiederkehren, noch kann die Gegenwart durch das Überholte gefesselt werden. Nichts von dem einst Gewesenen ist so stark und im Leben so tief verwurzelt, daß es wieder in unveränderter Form aufgezwungen werden könnte, daß es wieder in unveränderter Form aufgezwungen werden könnte, noch einmal wirklich zu sein. Der Blick auf die einstige Möglichkeit kann den menschen nur ermutigen, seine eigenen Kräfte zu sammeln, er kann ihm nur dazu verhelfen, den eigenen Forderung zu entsprechen, aber keine gewesene Möglichkeit kann den Menschen überreden, ihre Rückkehr zu vermitteln, sie einfach als das vormals Wirkliche zurückkommen zu lassen.

In der Tat erwidert die Wiederholung die Möglichkeit der gewesenen Existenz, sie ergreift das Überlieferte und wandelt es um, gibt dem Gewesenen neue Färbung und neue Prägung. Es gibt keine Starrheit und Routiniertheit in ihrer Durchführung. Nicht nur, dass die Wiederholung den Sinn der vergangenen Existenzmöglichkeit ändert, insofern sie das darin Lebendige bestätigt, sondern sie widerruft auch das darin Überwundene, das, was im Heute sich als Vergangenheit auswirkt. Und das bedeutet, dass die Wiederholung ein schöpferische Prozeß sei, der weit hinaus über den vorgefundenen Zustand führt, und dass in diesem Prozeß etwas Neues, Ungesehenes, Unvorhersehbares entsteht.

Weil sie die Lebenserfahrung bereichert, zieht die Wiederholung keine Langweile nach sich, vielmehr bereitet sie Freude, geradeso wie die Erinnerung. Denn auch bei der Erinnerung, im wesentlichen Sinn genommen, erfährt der Mensch nicht nur das, was er schon früher gewußt hat, sondern immer etwas mehr. Heidegger betont besonders, daß der existenzialontologisch begriffene Mensch mit einem ungeheuer schöpferischen Vermögen verlangt ist, daß er über eine ungeheuer Umwandlunskraft verfügt, wenngleich er diese Kraft nur in bezug auf die Faktizität der Gemeinschaft, der er angehört, gebrauchen kann. Daher ist sein schöpferischer Eingriff nie ganz frei, nie entbehrt er völlig der überlieferten Züge und Rücksichten. Freilich sagt Heidegger nichts Bestimmteres darüber, worin diese schöpferische Kraft besteht. Er wusste wohl, daß die Rolle des Menschenwesens in der Einheit von Zukunft und Gewesenheit als Gegenwart erst nachdem das Wesen des Seins selbst näher aufgeklärt wird, endgültig und bis zu Ende bestimmt werden kann.

Aber obwohl sie nicht durch die Vergangenheit versklavt ist, da sie nicht an ihre Vorlage starr gebunden ist, strebt die Wiederholung nach keinem Fortschritt. Da besteht keine Absicht, ein im voraus gesetztes Ziel zu erreichen, grundsätzlich ist jede Vorstellung vom geradlinigen Fortschreiten zur Vollkommenheit ausgeschlossen. Es handelt sich um eine Veränderung oder Umwandlung der einstigen Existenzmöglichkeit aufgrund eines entschlossen aufgeworfenen Projektes der eigenen Existenz in der gegebenen schicksalhaften geschichtlichen Situation. Wo die Grenze zwischen der Beachtung des Überkommenen und der Gewaltanwendung dagegen liegt, entscheidet nicht bloße Willkür, sondern das Bedürfnis des jetzigen Augenblicks.

Schluss
Der Mensch ist nach Heidegger ein geworfener Entwurf, das heißt, ich bin zwar fähig, mich zu entwerfen, stehe aber zugleich unter Bedingungen, die ich nicht selbst geschaffen habe. Gibt es Unterschiede zwischen Tradition und Überlieferung. Tradition oder Traditionalismus bedeutet, dass ich demgegenüber, was war, unbedingt treu zu bleiben habe. Überlieferung verstehe ich dagegen als eine Vergangenheit, die sich mir als eine Vielfalt von Möglichkeiten offenbar, aus denen ich wählen kann. Wobei ich immer in ihr eingebettet bleibe und nicht willkürlich über sie verfüge. Ich bin nicht Gottvater, ich mache mich nicht aus mir selbst.

Mario Kopić (born 13 March 1965) is a philosopher, author and translator. His main areas of interest include: History of Political Ideas, Philosophy of Art, Philosophy of Culture, Phenomenology and Philosophy of Religion. Mario Kopić was born in Dubrovnik, Croatia. He studied Philosophy and Comparative Literature at the University of Zagreb; Phenomenology and Political Anthropology at the University of Ljubljana; Political History and History of Ideas at the Institute Friedrich Meinecke at the Free University of Berlin (under the mentorship of Ernst Nolte); and Comparative Religiology at the Sapienza University of Rome (under the mentorship of Ida Magli).

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